Hans Liberg – eine Eloge

Wenn Sie von der wunderbaren und köstlichen, herrlich rhythmischen und harmonischen klassischen Musik, die das kulturelle Fundament des christlichen Abendlandes ist, mal so richtig die Schnauze voll haben – dann sollten Sie Hans Liberg erleben.

Ein solches Feuerwerk von musikalischen Zitaten, zündenden Einfällen, lässig improvisiertem Chaos und seltsamem holländischen Charme lässt sich mit überhaupt nichts vergleichen, außer vielleicht mit der Erinnerung an das beste Weihnachtsfest Ihres Lebens, bei dem Sie gleichzeitig Geburtstag haben und Rudi Carell die Verleihung des Nobelpreises an Sie moderiert. Will sagen, es übertrifft das, was das Wort „hervorragend“ ausdrücken kann, um ein Vielfaches.

Es ist, als hätte Liberg die Melodien der Welt dabei, wie einen Schwarm gut dressierter Insekten, und ließe sie auf sein Publikum los. Wenn man aufs Publikum achtet, haben viele den Schnabel offen, und das nicht nur, weil sie immer wieder mitsingen müssen, sondern auch, weil sie die Klappe vor Staunen nicht mehr zu bekommen.

Man kennt ja all diese Melodien. Klingeltöne fürs Handy, Evergreens aus etwa 500 Jahren, aktuelle Hits, Kinder- und Volkslieder: alles wird im rasierten Schädel des genialen Holländers zu einem Potpourri verquirlt, in dem Bekanntes, allzu Bekanntes und Flammneues so zusammenwirkt, dass auf einmal Verständnis entsteht. Man erkennt plötzlich die Brücken, die von Musikstück zu Musikstück führen, die Zitate, die Popmusik aus den erhabensten Monumenten Bachscher Klassik herausrupft – und man sieht plötzlich, was für einen Fehler Musiker machen, die sich künstlich auf den einen oder anderen Bereich beschränken.

Den Überblick zu haben – das ist ein Gefühl, das in jedem Publikum entsteht, das sich von Liberg an der Hand nehmen und in einen musikalischen Gewittersturm führen lässt. Während alle möglichen und unmöglichen Instrumente in den Händen des Meisters knallen, prasseln und wiehern, während wirklich dumme Witze, zutiefst geistreiche Bonmots und verdammt anspruchsvolle Musikpointen wie Hagel aufs Gehör schlagen, während eine musikalische Bö nach der anderen von der Bühne peitscht, zeigt sich immer wieder das Leitmotiv: die ungewohnte Verbindung.

Das ist die schnellste und wirksamste Vorlesung über Musik, die man sich vorstellen kann. Plötzlich erscheint schlaglichtartig die Erkenntnis: wie stark die Tonart auf die Stimmung wirkt, wie wichtig die Pause ist, was Rhythmus bedeutet, und auch, wie leicht es ist, ein Musikstück zu verhunzen, indem es ins falsche Korsett gezwängt wird.

All das geschieht mit hintergründigem Lachen und fürchterlich ansteckendem Humor, der so wirkt, als würde im unheimlichen Keller plötzlich das Licht angeschaltet: die düstere Kulisse strenger Autorität und unvollkommenen Verständnisses, die Klassik so sehr zum Schreckgespenst für Kinder werden lässt, liegt plötzlich klar und heiter vor Augen, und man sieht: so schlimm ist es ja gar nicht.

Auch, dass Musik Freude machen soll und dass diese Kunst, wenn sie komplizierter wird, das eigentlich tut, um die Freude zu steigern (statt um zu verwirren), ist etwas, was Musiklehrer ärgerlich selten vermitteln.

Wobei vermutlich kaum ein Musiklehrer des Planeten über ein derart gewaltiges musikalisches Repertoire verfügt, oder über ein derart umfassendes Talent für verschiedenartigste Instrumente.

Die Bühnenpräsenz, die die Hörer und Zuschauer fast schlagartig in ihren Bann zieht, die sich selbst nicht sehr Ernst zu nehmen scheint, obwohl sie dem Unmusikalischen wie dem Musikalischen tiefsten Respekt abnötigt, tut ein Übriges – ein Abend mit Hans Liberg ist ein gewaltiges Erlebnis.

Es ist inspirierend, unterhaltend, instruktiv; aber vor allem befreiend. Plötzlich erkennt man Zusammenhänge, die man nicht zu ahnen gewagt hätte, man versteht, dass Muster sich quer durch alle Musik wiederholen, wieviel Musik sich gegenseitig zitiert, und, dass sich in manch pompösen Marsch sehr gut ein Kinderliedchen einschmuggeln lässt, dass dann frech mitklimpert, als wäre es schon immer dagewesen. So wachsen im Tondickicht erhabener Symphonien plötzlich dreiste kleine Unkräuter, etwa, wenn Liberg plötzlich aus klassischer Erhabenheit einen populären Song von „Supertramp“ herausschält, den das Publikum unwillkürlich mitsingt – um völlig in Verwirrung abzukippen, wenn dasselbe Tonkonstrukt kurze Zeit später zu Mozart, zum Kinderlied oder zum Klingelton wird.

Spieltrieb ist einfach ein Muss für die Begeisterung am Ton, das wird jedem klar, der sieht, mit welcher Leichtigkeit und Verve Liberg Melodien auf sein Publikum abfeuert, man kann es nicht anders nennen.

Es fängt meist harmlos an; nach wenigen Minuten meint man, einen sympathischen, aber gebildeten Clown zu erleben. Schnell denkt man, aha, ein Meister seines Faches zeigt uns ein Füllhorn von Melodien… aber was aus diesem Füllhorn kommt, ist kein Blütenreigen, sondern eine bunte Sturmflut, in der alle musikalische Besserwisserei, alle Verkrampftheit und vor allem das Unverständnis einfach absäuft.

Selten hatte ich soviel Spaß.

Aber noch gar nie, noch nie in meinem Leben, ist mir ein Aha!-Erlebnis derart ins Gehirn gepaukt worden. Unvergesslich, und das auch noch mit dem allergrößten Vergnügen.

Sie haben tatsächlich bis hierher gelesen, wow.

Warten Sie mal ab, bis Sie eine Liberg-Show sehn und hören. DANN geht’s erst ab.

Schaun Sie mal rüber zu youtube.

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